Barbara Blickensdorff
im Zentrum für
Alexander-Technik
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10117 Berlin-Mitte
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Fax +49-30-28096530
info@blickensdorff.com

 

Führung durch die Ausstellung in der Kunstallianz1Berlin

 

Jorma Puranen

 

"Sixteen Steps to Paradise"

Ausstellung vom 15. September bis 4. Dezember 2011

Kuratorin: Barbara Blickensdorff

 

Sie sind herzlich eingeladen, meine Führungen durch die Ausstellung zum Thema „Sehen und Alexander-Technik“ zu besuchen, in denen wir nicht nur die Bilder betrachten, sondern auch die Art und Weise, wie wir unsere Augen, unseren Geist und uns insgesamt gebrauchen während wir Kunst betrachten.

Unkostenbeitrag: 10 EUR pro Person

 

Zeit:

Donnerstag, den 29.09.2011 17-18 Uhr

Donnerstag, den 06.10.2011 17-18 Uhr

Donnerstag, den 13.10.2011 17-18 Uhr

Donnerstag, den 20.10.2011 17-18 Uhr

 

Ort:
Kunstallianz1Berlin
An den Treptowers 1
12435 Berlin

Verkehrsanbindung: S-Bahn Treptower Park,
Busse: 104, 194, 166, 167, 265
www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit/Kunstallianz-1-Berlin

Der finnische Künstler Jorma Puranen hat in den vergangenen, mehr als drei Jahrzehnten seines Schaffens eine ganze Generation von jungen erfolgreichen finnischen Fotografen geprägt. Das Bild in Puranens Werk tritt uns nicht als umstandsloses Abbild der Wirklichkeit entgegen. Stattdessen wird es unaufhörlich gebrochen, erfühlt, verunklärt, durchdacht, und neu in Umlauf gebracht. Puranen ist ein Künstler, der mit den Mitteln der Fotografie malt. Es geht ihm nicht um den im Foto festgehaltenen besonderen dokumentarischen Augenblick, der uns an Fotos in der Tradition von Henri Cartier-Bresson oder Leni Riefenstahl fasziniert. Seine Arbeiten enthalten aber ebenso – und das ist das Besondere - einen kritischen Blick sowohl auf die Kolonial- und Kulturpolitik des nördlichen Skandinaviens, als auch auf den Umgang mit Geschichte und Überlieferung ganz allgemein.                  

Sie erhalten kostenlos einen Katalog zur Ausstellung.


Um Anmeldung wird gebeten unter:
Tel: 030 41 71 40 14
mob.: 0177 82 882 79
oder per Mail: info@blickensdorff.com

Vielen Dank.
Mit herzlichen Grüßen,
Barbara Blickensdorff

 

 

Jorma Puranen -  Sixteen Steps to Paradise

Zum Geleit

Finnland ist ein relativ kleines  Land, das lange Zeiten seiner Geschichte von fremden Mächten besetzt gehalten wurde. Die Finnische Kunst hat daher im Sinne einer Identifikation mit dem Land und seinen Naturgegebenheiten eine starke Tradition in der Landschaftsdarstellung entwickelt.

Jorma Puranen fügte der finnischen Fotografie die Komponente des Konzeptuellen hinzu. Er benutzt und reflektiert die dokumentarische- sowie die Natur-Fotografie und wandelt sie um in ein Oeuvre, das konzeptuelle und serielle Fotografie ist. So bleibt er bei den Wurzeln, transformiert sie durch sein Schaffen und kreiert damit etwas neues und zeitgemäßes.

Puranen hat in den vergangenen, mehr als drei Jahrzehnten seines Schaffens eine ganze Generation von jungen erfolgreichen finnischen Fotografen geprägt. Er unterrichtete Fotografie an der Kunsthochschule in Helsinki und ist gleichzeitig ein erfolgreicher Künstler, der von mehreren europäischen Galerien vertreten wird, und dessen Arbeiten in bedeutenden Museen und auf den wichtigen Kunstmessen der Welt zu finden sind.

Zur Ausstellung ist dankenswerter weise ein Katalog erschienen. Er enthält Abbildungen aus allen bisher entstandenen Serien, chronologisch geordnet nach ihren Entstehungsjahren. Jede Serie wird von einem Text in Deutsch und Englisch begleitet. Zwei der Textautoren möchte ich kurz erwähnen:

Jan Eric Lundström aus Schweden, ein geschätzter, kritischer und kenntnisreicher Autor und Kurator, insbesondere für Fotografie, der seit Jahren die Arbeit von Jorma Puranen begleitet. Und

Dr. Daniel Spanke, wissenschaftlicher Kurator im Kunstmuseum Stuttgart, der – wie ich finde – den bisher gültigsten und schönsten Text über die Arbeit „Shadows, Reflections and all that Sort of Thing“ (Schatten, Reflexionen und all so was) geschrieben hat. Sein Museum besitzt übrigens fünf große Arbeiten aus dieser Serie.

Viele der Katalogtexte sind zudem Künstler-Statements von Jorma Puranen, die einen ganz besonderen und individuellen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Arbeiten ermöglichen.

Die chronologische Darstellung im Katalog ist ein Mittel zum Verständnis der Besonderheit des Oeuvres von Jorma Puranen. Tatsächlich sind die einzelnen Serien zeitlich überschneidend entstanden.

Im Sinne des von Ute Galitz im Eingang des Katalogs gewählten, Zitats von Ingeborg Bachmann, orientiert sich Jorma Puranen fast immer mit seiner Arbeit an einem Ziel, das sich jedoch im Prozess der Annäherung auffächert und entfernt, um wieder neuen Wegen und neuen Ideen Raum zu schaffen, die mit der ursprünglichen Intention jedoch verbunden bleiben.

Daraus ergibt sich ein selbstreflexiver Zug in den Arbeiten von Jorma Puranen. Sie enthalten aber ebenso – und das ist das Besondere - einen kritischen Blick sowohl auf die Kolonial- und Kulturpolitik des nördlichen Skandinaviens, als auch auf den Umgang mit Geschichte und Überlieferung ganz allgemein.

Das Bild in Puranens Werk tritt uns nicht als umstandsloses Abbild der Wirklichkeit entgegen. Stattdessen wird es unaufhörlich gebrochen, erfühlt, verunklärt, durchdacht, und neu in Umlauf gebracht.

Jorma Puranen zitiert in einem seiner Statements Jean-Luc Godard mit dem Satz: „Die Fotografie ist nicht die Reflexion der Realität, sie ist die Realität der Reflexion.“ Puranen geht es nicht um den im Foto festgehaltenen besonderen dokumentarischen Augenblick, der uns an Fotos in der Tradition von Henri Cartier-Bresson oder Leni Riefenstahl fasziniert. Puranen ist eher ein Künstler, der mit den Mitteln der Fotografie malt.

„Imaginary Homecoming“ (Erfundene Heimkehr), so heißt die früheste, der hier ausgestellten Serien. Puranen inszenierte ethnologische Porträts der Skoltsamen in ihren Heimatlandschaften. Diese transparenten Porträts nahm er so auf, als könnten die Menschen symbolisch wieder mit ihren natürlichen Wurzeln verwachsen. Diese Porträt-Aufnahmen der Skoltsamen waren ursprünglich während einer Expedition, Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, und sollten die koloniale Unterwerfung dieser Bevölkerungsgruppe rassistisch legitimieren. Die Menschen wurden durch diese Fotos zu ethnologischen Objekten gemacht. Es war eine Zeit der noch mehr oder weniger unhinterfragten anthropologischen und anthropometrischen Kategorisierung. Puranens Serie entwickelt die Kraft, eine ganze Repräsentationsära und deren Eroberungs-Gesinnung bloßzustellen.

Globaler noch erfasst Puranen dieses Thema in der Serie „Language is a Foreign Country“ (Sprache ist ein fremdes Land).  Wir sehen Flaggen, die nach altem Brauch ein Mensch, als Bezwinger in der Natur hinterlässt. Der Eroberer ist ein Fremder, oft in dem Glauben, das Bezwungene auch zu beherrschen. Der Eroberer hat zwar meist einen sinnlichen Kontakt zur Landschaft entwickelt, die er sich unterwerfen will, aber er bewegt sich in einem kulturellen und sozialen Umfeld, dessen tiefes ererbtes Verständnis sich ihm entzieht. Selbst wenn er – wie eine Kolonialmacht – sich in dem eroberten Gebiet ansiedelt, bleibt er doch in diesem Sinne für lange Zeit ein Fremder. In Puranens Werken tragen die Flaggen Worte. Erst die Muttersprache und natürlich auch die traditionelle Überlieferung verwurzeln Menschen mit der Gegend in der sie leben. Schriftstücke, Berichte und Dokumente, die Eroberungen bezeugen sind ebenfalls auf das Medium Sprache angewiesen. Das gespürte und ererbte Verständnis eines Landschaftsraumes entzieht sich jedoch der Vermittlung durch Sprache. Die verbale Beschreibung bleibt, insbesondere für die Nachgeborenen, ein nur oberflächlich verstehbares Vokabular. Die Überlieferung vermischt sich auf diese Art mit der Phantasie des Rezipienten und Betrachters. Und ähnlich ergeht es uns mit der Dokumentation durch Bilder. Was sagen uns Porträts von Menschen, ohne ihren Lebensraum? Was können uns diese so genannten ethnologischen Objekte ohne Kontakt zu ihren Wurzeln überliefern? Wir sehen in Gesichter, die wir zu kennen glauben, die auch im hier und jetzt sein könnten. Jorma Puranen gibt den Abgebildeten wieder eine Verwurzelung. Puranen spricht oft vom reflektierten Licht als Metapher für Geschichte und Überlieferung. Die Spiegelungen in seinen Fotografien von Porträts erschließen dem Betrachter Erkenntnisse über Materialien, Erhaltungszustände und Strukturen, die sich mit dem abgebildeten Gesicht verbinden. Manchmal versucht man mehr zu erkennen, indem man sich vor den Arbeiten bewegt, so als wolle man die störende Reflexion vertreiben. Lassen Sie sie, betrachten sie sie. Schreiten Sie die Ahnengalerie – hier in der Ausstellung - ab. Akzeptieren Sie die Distanz zum Bildgegenstand und zur Zeit seiner Entstehung. Lassen Sie die Erkenntnis gelten, wie sehr das Geschichtsverständnis von unserer eigenen Phantasie bestimmt wird.

In der Serie „Sixteen Steps to Paradise“ (Sechzehn Schritte bis zum Paradies), die der Ausstellung den Titel gibt, geht Jorma Puranen noch weiter, er nimmt eine beobachtende Distance zu sich selbst ein. Die Arbeiten reflektieren  das Weiterleben eines Gartens (seines Gartens), unabhängig vom Wirken des Gärtners, der ihn erschuf. Es ist eine Metapher auf unsere spirituelle Existenz, auf das, was nach unserem Tod ist, auf den Kontakt, den wir dorthin haben oder eben auch nicht haben. Es gibt eine imaginäre, spürbare aber unsichtbare Grenze im Inneren dieser Arbeiten: Die Grenze zu einem jenseitigen Raum, den wir nicht betreten können. Die Pflanzen sind im Original zu sehen, spiegeln sich und werfen gleichzeitig ihren Schatten auf die Spiegelung. Manchmal ist die Spiegelung nur zu erkennen, weil ein Schatten darauf liegt. Jeder verbindet eigene Vorstellungen mit dem Jenseits oder der Spiritualität. Energetische Erlebnisse in diesem Zusammenhang, zum Beispiel nach dem Tod eines nahen Verwandten, beschäftigen nachhaltig unsere Phantasie und lassen uns eine Verbundenheit zu mehr als dem normalen Alltagsleben spüren oder zumindest erahnen.

Es gäbe noch vieles zu den hier ausgestellten Werken zu erzählen. Zum Beispiel wie der Künstler inspiriert von der Arbeit an der Serie „Shadows, reflektions an all that Sort of Thing“ die Serie „Icy Prospekts“ entwickelte. Wie er eine fein abgeschmirgelte Holzplatte mit schwarzer Farbe lackierte, sie dann nach draußen in die eisige Landschaft brachte und die Reflexionen auf ihr fotografierte. Wie ihn das Einfangen dieser Natur-Spiegelungen an das Betrachten von Daguerreotypien erinnerte, wenn nur ein bestimmter Einfallswinkel des Lichts das Bild sichtbar macht. Diese Dinge können Sie mit Muße im Katalog nachlesen... 

Ich wünsche Ihnen beim Besuch der Ausstellung oder beim Blättern im Katalog, Vergnügen, Inspiration und gute Gespräche.

Barbara Blickensdorff, (Kuratorin und Lehrerin der F.M. Alexander-Technik)